Kim Roberts – Hochdorf

Kim Roberts – Hochdorf

rezensiert von Nicole am 30.08.2019

Titel: Hochdorf – Hasse deinen Nächsten
Reihe: abgeschlossenes Buch
Autor: Kim Roberts
Genre: Krimi
Verlag: Books on Demand
Seitenanzahl: 404
Erscheinungsdatum: 03.07.2019
ISBN-10: 3738617477
ISBN-13: 978-3738617474
Bildquelle/Klappentext: Amazon

Dieses Buch ist eine neu lektorierte und überarbeitete Neuauflage des Romans „Strom – ein schwäbischer Krimi“ aus dem Jahr 2008.

SIE TRÄUMEN VON EINEM FRIEDLICHEN LEBEN AUF DEM LAND? TRÄUMEN SIE WEITER!

Ein Dorf, eine Nacht, zwei Verbrechen: Während in der Nachbarschaft ein Bauernhof bis auf die Grundmauern niederbrennt, wird in der Führanlage des Reiterhofs Hochdorf eine Leiche gefunden. Dabei handelt es sich um den Augsburger Neonazi Werner Holland. Der zuständige Kommissar Tarek Breitner, ein Halb-Türke mit einer Vorliebe für Whisky-Cola aus der Dose, kommt im schwarzbraunen Hochdorf nicht gut an. Umso besser jedoch bei der Reitlehrerin Lola, die sofort in den Kreis der Hauptverdächtigen rückt.

Wer auf der Suche nach einem ganz klassischen und typischen Krimi ist, der sollte vielleicht nicht unbedingt zu „Hochdorf“ greifen. Dieses Schätzchen hier ist sehr speziell, passt für mich in keine konkrete Schublade und somit hatte es mich sofort. Ich fand das Buch genial.

Vom Grundsatz her lässt sich „Hochdorf“ natürlich schon erwartungsgemäß krimimäßig lesen, schließlich müssen zwei Verbrechen aufgeklärt werden und mit Kommissar Tarek Breitner haben wir hier auch einen echt coolen Ermittler an die Seite gestellt bekommen.

Dann gibt es hier jedoch auch diese Momente, wo ich dachte, eine ziemlich bissige Satire vor mir liegen zu haben, denn vieles wirkte schon etwas überzogen und fast übertrieben.
Hin und wieder fragte ich mich auch, ob ich nicht doch in einem abartigen Horrorthriller gelandet bin.

Kim Roberts verarbeitet in diesem Buch besonders ernste und brisante Themen. Sie tut dies schonungslos ehrlich und schleudert sie uns knallhart um die Ohren. Es wirkt fast so, als ob die Autorin uns auffordern möchte, die Augen ja nicht zu verschließen und genauer hin zu schauen.

Nein, Zuschauen scheint Kim Roberts gar nicht zu genügen. Sie nötigt uns Leser vielmehr dazu, uns mit der Abartigkeit mancher Personengruppen direkt auseinander zu setzen. Schließlich können im wahren Leben Betroffene auch nicht flüchten und Nicht-Betroffene sollten es nicht tun.
Mit Betroffenen meine ich an dieser Stelle Opfer rechtsextremer Gewalt, denn wir bekommen es hier mit Rechtsradikalen zu tun.

Das Buch war für mich von Anfang bis Ende großes Kino. Es war eine Glanzleistung im Krimi-Genre, weil ich durchweg gefesselt war und gleichzeitig war es für mich ein perfektes Präventions-Buch zum Aufrütteln.
Rechtsextreme Gewalt ist hier das Oberthema, aber wir beschäftigen uns gleichzeitig auch mit Vergewaltigungsopfern, dem Umgang mit behinderten Menschen und dem Drogensumpf.

Ich war während dem Lesen nicht selten angewidert, schockiert oder habe mich fremd geschämt, denn hier heißt es nun mal „Reality meets fiktive Geschichte“ und das war überdeutlich spürbar.

„Hochdorf“ ist nichts für Zartbesaitete, denn verbale Entgleisungen begegnen euch hier genauso wie rohe Gewalt.

Hier wird nichts umschmückt oder zunächst schön aufgehübscht. Ihr bekommt alles sehr direkt, knallhart und glasklar präsentiert.

Die Protagonisten sind allesamt nicht das, was ich als „normal“ bezeichnen würde, aber da liegt bereits der erste Fehler, denn was ist schon „normal“?
Es begegnen euch Charaktere mit Ecken und Kanten, mit Extremen, mit grenzenloser Dummheit, Arroganz und Ignoranz.

Die generelle Stimmung in dem Örtchen Hochdorf wirkt primitiv und dumm. Fast alle Dorfbewohner sind entweder naiv und doof, die vermeintlich „Guten“ wirken dafür schicksalsergeben, gebeutelt und vom Leben geprägt.
Man will dauerhaft den Kopf schütteln, weil man ja weiß, dass es da draußen in der realen Welt wirklich solche Idioten gibt wie hier im Buch.

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ein Kommissar mit türkischen Wurzeln, der in einem Ort ermittelt, wo die meisten Anwohner Neonazis sind, nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wird.

Die Story bietet viel Raum für Spekulationen, was den/die Täter angeht und das Ende überrascht auf der einen Seite und dann auch wieder nicht. 😉

Wenn ihr euch traut und keinen reinen, ruhigen Abschalt-Krimi erwartet, sondern vielmehr ein provokanten Nachdenk-Krimi, der wirklich kein Blatt vor den Mund nimmt und nichts verschönert erzählt, dann solltet ihr unbedingt den Ort Hochdorf besuchen.

In Hochdorf ist nichts, wie es soll und auf keinster Weise, wie es scheint.

Ich fand das Buch großartig und im Genre Krimi total anders, wie alles, was ich bisher gelesen habe.
Die Menschen in dem Örtchen, mit denen man offensichtlich sympathisieren soll, sind keine Normalos, nein sie sind allesamt Opfer und zwar in ganz verschiedenen Lebensbereichen.

Und da aus jedem von uns zu jeder Zeit ein Opfer werden kann, hat mir diese Message gefallen.

☼eure Nicole☼

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